Was ist Yoga?

Spiritualität, Körperübungen oder Bewusstseinstechnik?

„Ich gehe zum Yoga“ – heute bedeutet das, jemand wird sich vermutlich 60 bis 90 Minuten körperlich betätigen, den Körper dehnen, kräftigen und sich anschließend, hoffentlich, besser fühlen als davor. Gleichzeitig schwingt dabei mit, dass es um mehr geht als physische Übungen. Aber was ist dieses Mehr?

Zum einen verweist Yoga auf die indische Tradition, auf die Wurzeln im Hinduismus – also ganz klar verbunden mit der Spiritualität Indiens, beginnend im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung.

Zum anderen geht es immer auch um das Bewusstsein. Es macht mit. Das klingt komisch, weil man davon ausgeht, dass unser Bewusstsein in der Regel bei all unseren Aktivitäten mitmacht, sei es beim Laufen, Autofahren, Essen, Lesen oder Küssen. Aber es geht um die Frage: Wie sehr ist unser Bewusstsein wirklich dabei? Yoga ist also auch eine Technik, um unseren sprudelnden und abgelenkten Geist wirklich bewusst mit dem eigenen Tun zu verbinden.

Außerdem spielt der Atem eine große Rolle: Während unser Atem im Alltag gerne unbemerkt bleibt, damit wir uns auf andere Dinge (die wichtigeren?) konzentrieren können, wird im Yoga plötzlich der Blick auf ihn gelenkt – was ihn manchmal irritiert, nahezu erschreckt, weil er sich so an sein unbemerktes Schattendasein gewöhnt hat. Wenn wir plötzlich das Licht unserer Aufmerksamkeit auf unseren Atem richten, braucht es manchmal einige Zeit, bis er sich an diese Aufmerksamkeit gewöhnt. Wenn das gelingt, beginnt der Atem zu fließen, bewusst, tief und im Einklang mit den Bewegungen. Dann passiert Yoga.

Jemand, der „Yoga macht“ und sich darauf einlässt, wird erfahren, dass Yoga all diese Aspekte bereithält – Spiritualität, Körperarbeit, Bewusstsein des Atems und des Geistes – und durchaus an unterschiedlichen Tagen, in unterschiedlichen Phasen ein anderer Schwerpunkt im Vordergrund stehen kann. Grundsätzlich ist es die Verbindung jener Elemente, die Yoga ausmacht.

Was ist das Ziel beim Yoga?

Zu sich selbst zu kommen und andererseits über sich hinaus zu gehen.

Spannend ist, dass diese sich vermeintlich widersprechenden Richtungen in Wirklichkeit ergänzen, ja letztlich sogar zu einer Richtung werden.

Diese vielschichtige Bedeutung ist bereits im Wort Yoga selbst enthalten: Etymologisch geht Yoga auf die Sanskrit-Wurzel yui zurück. Das heißt primär zusammenbinden und anjochen. Was genau wird zusammengebunden? Zum einen bindet Yoga den Körper wieder mit dem Bewusstsein zusammen, mit dem Geist, aber auch mit unserem Atem. Hier liegt dann – wie im klassischen Yoga nach Patanjali – der Bedeutungsschwerpunkt verstärkt auf der Wurzel yuja, der Konzentration: Yoga ist dann das zur Ruhe-Kommen des Geistes (chitta-vritti-nirodhah, 1. Kapitel des Yoga-Sutra).

Der andere Bedeutungsschwerpunkt ergibt sich aus der Wurzel yuji, der Verbindung, Vereinigung. Hier geht es über das individuelle Selbst hinaus, denn es geht um die Verbindung mit etwas Größerem. So wie ein Wassertropfen Teil des Meeres ist, sich als Einzelner mit dem Ganzen verbindet.

Außerdem sei darauf hingewiesen, dass yui noch weitere spannende Bedeutungen hat wie Zauber oder auch Bemühung. Wichtig ist, die Vielfalt und Reichhaltigkeit des Wortes mitzudenken. In verschiedenen Kontexten und Yoga-Traditionen sind verschiedene Bedeutungen zentral(er). Wir brauchen geistige Flexibilität und Interpretationsspielraum, statt fester und fixer Begriffe. Diese Vielfalt zu zelebrieren – auch das ist Yoga.